iPad und Zeitungen – ein erster Erfahrungsbericht

Nachdem Springer-Chef Mathias Döpfner Steve Jobs bereits als Heiland gepriesen hat (“Jeder Verleger auf der Welt sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er die Verlagsbranche rettet“), war ich natürlich recht neugierig, was die Zeitungsverleger bisher unternommen haben, um den potentiellen Lesern die iPad-Versionen der Zeitungen schmackhaft zu machen.

Zunächst muss man unterscheiden, welche Art an Content angeboten wird:

  • einfach nur ein Abbild der Website, aber speziell fürs iPad optimiert
  • oder ein Abbild des Printprodukts, idealerweise aufgepeppt mit Bilderstrecken, Videos, Linksammlungen…

Schauen wir uns zuerst an, was die heimische Medienwelt anbietet und danach ein paar Beispiele aus dem Ausland.

Kronen Zeitung
Art: Abbild der normalen Website, eine iPad-Version der Printausgabe ist für Jahresende angekündigt
Pros: separate Bundeslandinformationen, viele Photos und Videos, nette Serviceideen (Wetterleiste, jetzt im TV)
Cons: viel zu überladen – selbst mit einem quer gehaltenen iPad muss man horizontal scrollen (besser macht es da zB. die Huffington Post), keine Suchfunktion, keine Kommentarfunktion
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Kurier
Art: Abbild des Printprodukts
Leider kein Pro/Contra möglich, das App kostet € 9,99 – dies war mir für ein einmaliges Testen zu teuer. Laut den Userkommentaren im iTunes Store scheint es aber momentan noch recht absturzfreudig zu sein.
Download via iTunes KURIER - KURIER.at

Der Standard
Art: Abbild der normalen Website, bis jetzt nur iPhone-Version, keine spezielle iPad-Version
Pros: ladet schnell, man kann User-Kommentare lesen und selbst schreiben, es gibt eine Suchfunktion, schneller Zugriff auf die einzelnen Rubriken (vor allem wenn man das iPad horizontal hält), schneller Switch zur normalen Websiteversion innerhalb der App, Buttons um Artikel auf Twitter oder Facebook zu Posten;
Cons: keine Service-”Goodies” wie bei Krone oder Kleine Zeitung, fehlende iPad-Optimierung, wenige Bilder und Videos
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Die Presse
Art: Abbild des Printprodukts
Pros: Artikel kann man sich nicht nur im Zeitungslayout anzeigen lassen, sondern auch in einem eigenen Lesemodus (keine Spalten, Text vergrößerbar, Vollbild); angenehm schnell/flüssig beim Navigieren, aktuelle Ausgabe wird komplett runtergeladen, damit auch offline lesbar, Funktion „Seitenübersicht“ sehr praktisch, um gezielt eine bestimmte Seite aufzurufen
Cons: keine Suche, keine Kommentarfunktion, keine Links (zB. vom Artikelanreißer auf der Startseite zum eigentlichen Artikel), keine aktuellen News eingebaut (einfach nur der Inhalt der aktuellen Tageszeitung), keine manuelle Löschfunktion für alte Ausgaben
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Kleine Zeitung
Art: Beides – auf den ersten Blick ein iPhone-App, dass ein Best-Of der Homepage darstellt, aber innerhalb der App kann man als Abonnement der Zeitung auch eine ePaper-Version der kompletten Tageszeitung anschauen.
Pros: Kommentarfunktion, einfaches Weiterempfehlen von Artikeln auf Facebook & Twitter, viele Fotostrecken und Videos, flott zu Navigieren
Cons: keine Suchfunktion, (noch?) keine HD-Version fürs iPad
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Wirtschaftsblatt
Art: Abbild des Printprodukts
Pros: sehr sympathisches Abo-Modell – die iPad-Variante ist günstiger als die normale Printausgabe (iPad: € 19,80/Print: € 34,90); sehr einfaches Auswählen der gewünschten Ausgabe, durchblättern geht angenehm schnell, man kann das Angebot 30 Tage lang kostenlos testen
Cons: keine Suchfunktion, keine Kommentarfunktion, App eher lieblos gemacht – einfach die Printausgabe als PDF oder Bild implementiert – dadurch kein Mehrwert möglich durch z.B. zusätzliche Verlinkungen, Videos oder Bilder; dadurch iPad-typische Bedienungsarten wie Doppelklick auf eine Spalte zum Vergrößern nicht möglich, läßt nur eine relativ niedrige Zoomstufe zu
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Österreich
Art: Abbild des Printprodukts
Pros: momentan kostenlos, separate Version für jedes Bundland abrufbar plus zusätzlich PDF-Version von Wien (technisch übrigens recht skurril gelöst – einfach nur ein Link, der an den Browser vom iPad übergeben wird, der dann ein PDF runterladet und im Browser anzeigt, d.h. keine Zusatzfeatures möglich. Wenn man sich den Link übrigens kopiert, kann man von jedem normalen PC aus dann täglich die aktuelle Ausgabe von Österreich runterladen, da sich die URL nie ändert).
Cons: wie das Wirtschaftsblatt einfach die Printausgabe 1:1 übernommen, d.h. nur eine Zoomstufe, keine Suche, keine Interaktivität
Download via iTunes Tageszeitung

Heute
Art: Abbild des Printprodukts
Pros: natürlich kostenlos, separate Versionen für Wien, Niederösterreich und Oberösterreich plus der letzten 7 Tage; schnell und schnörkellos
Cons:nicht offline nutzbar, wie Österreich einfach 1:1 Kopie der Printausgabe, d.h. keine Interaktivität, keine Kommentarfunktion, keine Suche
Download via iTunes Tageszeitung HEUTE: Kein Morgen ohne Heute - OpenResearch Software Development OG

Im Vergleich dazu zwei positive internationale Beispiele:

The Wall Street Journal
Art: Abbild des Printprodukts
Pros: Startseite individuell anpassbar, obwohl eigentlich Abbild des Printprodukts fließen auch “Real Time”-News ein, einige Videos und Bilderstrecken, einzelne Artikel oder ganze Rubriken können archiviert werden
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Wired
Art: Abbild des Printprodukts
Pros: zwar eine Monatszeitschrift und keine Tageszeitung, zeigt aber, was optisch alles möglich ist: jede Seite wird in zwei Versionen erstellt – Hoch- und Querformat, sogar die Anzeigen werden neu gelayoutet; viele Bilder und Videos;
Cons: da eine Mischung aus PDF und Bildern plus zwei Versionen von jeder Seite datenmäßig riesig (über 400MB pro Ausgabe)
Download via iTunes WIRED

So richtig überzeugende Angebote gibt es noch nicht, man merkt, dass der Markt gerade erst entsteht und alle noch am experimentieren sind oder einfach einmal etwas am Markt platzieren wollten, egal in welcher Qualität.

Es krankt vor allem noch daran, dass die meisten Anbieter einfach eine statische Version des Printprodukts anbieten, die alles verhindert, was eine dynamische und iPad-optimierte Version interessant machen würde:

  • sich seine Hauptinteressen herauszupicken, die dann automatisch am Anfang der Zeitschrift stehen (zB. wenn einem vor allem Politik und Fußball interessiert)
  • nicht einfach nur den Artikel aus der Printversion, sondern aufpeppen mit
    • "einweben" von Real-Time-News der Homepage
    • viel verlinken – zu anderen Artikeln der aktuellen Ausgabe, die zum Thema passen, oder ins Archiv oder auf die Homepage
    • der Möglichkeit, Content weiterempfehlen zu können via eingebautem eMail-Client, Twitter und Facebook
    • Userkommentare (finde ich oft spannender als den eigentlichen Artikel)
  • Fingerbedienungsarten des iPads übernehmen (Pinch and Zoom, Doppel-Tap, Wischen), schließlich sind die iPad-User bereits darauf trainiert
  • Suchfunktion für die aktuelle Ausgabe plus dem Archiv
  • Location-based Artikel, iPad erkennt, wo man sich gerade befindet und bietet dazu tagesaktuelle Artikel, Archivbeiträge, oder auch Lokalbesprechungen und Kinotipps an

Mit JPGs oder PDFs wird man diese Funktionen nicht praktikabel realisieren können, das Sportmagazin “Sports Illustrated” zeigt, in welche Richtung es gehen könnte (sollte) – den Content nämlich auf HTML5-Basis aufzubereiten: http://www.youtube.com/watch?v=U3j7mM_JBNw

Vorteil: die für HTML5 sehr gut optimierte Browserengine WebKit ist fix eingebaut in allen iOS- (iPhone, iPad, iPod touch) und allen Android-basierenden Smartphones, auf manchen Symbian-basierenden Geräten (Nokia) und soll noch dieses Jahr auch am Blackberry Einzug finden. Somit verwenden viele Geräte eine gemeinsame Basis zur HTML-Darstellung, was das anpassen an die einzelnen Plattformen deutlich vereinfacht (CSS-Datei). Native Apps benötigt man weiterhin als “Hülle”, für den Bezahlvorgang, zur Archivierung und anderen Dingen, die nichts direkt mit der Darstellung des Contents zu tun haben.

Übrigens: einen bis jetzt kaum beachteten Vorteil haben die Angebote aber bereits jetzt – Leser von ausländischen Zeitungen können ordentlich Geld sparen – so kostet zB. Wired in der normalen Trafik gut 10 Euro, als iPad-Version hingegen nur € 2,99.

Fazit
Abgesehen davon gibt es derzeit aber kaum einen Grund, ein spezielles App der Zeitungen zu kaufen, da sie außer der Papierersparnis kaum Mehrwert bieten und auf den normalen Webseiten zumeist dieselben Artikel angeboten werden – aber aktueller, besser am iPad lesbar, interaktiver und obendrein kostenlos.

Keines der getesteten Programme macht so viel Spaß wie zB. Flipboard oder “The Times“, die Inhalte von bekannten Newsseiten und Feeds von Twitter und Facebook optimal aufbereiten – so würde das Lesen von Zeitungen deutlich mehr Spaß machen.

Es wird kein Zufall sein, dass man genau jene iPad-Apps als fast gelungen bezeichnen kann, die es schon immer nur digital als Website gab, aber nie eine Printversion hatten – zB. Slate oder Huffington Post.

Kurz gesagt: warum sollte man ein Zeitungsabo abschließen, wenn sowieso die meisten Informationen kostenlos auf den jeweiligen Websites der Zeitungen angeboten wird? Nur wenn das App den Content perfekt für das iPad aufbereitet UND ausreichend Mehrwert anbietet, mir ist bis jetzt aber noch keines untergekommen, dass mich dahingehend vollständig überzeugt hätte.

(Artikel am 24.11. aktualisiert – Heute und Die Presse hinzugefügt)

1 Comment

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